Die nachfolgende kurze Case Study soll den Leser dafür sensibilisieren, dass es bei der Nutzung von Single-Core-Metriken wie den Flow-Metriken durchaus sinnvoll sein kann, etwas tiefer zu schauen. Hierzu werden zunächst ein paar Off-Page-Metriken betrachtet, die dann um On-Page-Daten erweitert werden. Die analysierten Domains werden bewusst anonym gehalten, es besteht aber keine geschäftliche Beziehung des Autors zu den Domains. Die Domains kommen alle aus dem gleichen Cluster, können aber unterschiedliche Schwerpunkte haben. Dies ist für die vorliegende Case Study jedoch nicht von Relevanz. Für die Case Study wurden Daten aus den Tools Majestic, LinkResearchTools und Sistrix genutzt. Der Autor ist der Majestic Ambassador für Deutschland.

Die Flow Metriken

Die Abbildung zeigt einen Vergleich von drei Domains auf Root-Ebene. Wie zu erkennen ist, liegen die Trust-Flow-Werte nicht sehr weit auseinander. Die erste Domain weist den höchsten Trust-Flow-Wert auf, gefolgt von Domain 3 und dann mit etwas Abstand von Domain 2. Auch beim Citation-Flow, der eine Aussage hinsichtlich der Stärke eines Linkprofils vornimmt, haben zwei der drei Domains den gleichen Wert, einzig Domain 1 ist auch hier wieder etwas stärker. Aufgrund dieser Flow-Werte könnte im ersten Moment der Eindruck entstehen, dass diese Domains hinsichtlich ihres Linkprofils nahezu gleichwertig sind.

Betrachtet man die Verteilung der Themen innerhalb des Trust-Flows (von oben nach unten Domain 1-3), so sieht man auch hier – zwar mit unterschiedlichen Gewichtungen – in Summe jedoch eine große thematische Übereinstimmung hinsichtlich der Linkquellen.

Ergänzt man nun diese Daten um die Anzahl an Referring Domains pro Domain, also der Anzahl einzigartiger Verlinkungen auf Domain-Ebene, sind erste prägnante Unterschiede zu erkennen, denn hier liegt Domain 1 deutlich vor allen anderen Wettbewerbern.

Dies ist insofern interessant, als dass jenes nicht in einem klaren Verhältnis mit den Flow-Metriken steht. Der Abstand bei den Flow-Metriken zwischen den Domains 1 und 3 ist nicht so groß, wie man es ggf. bei dem deutlichen Unterschied bei der Anzahl an Referring Domains annehmen könnte. Domain 1 hat schließlich knapp das Doppelte an Referring Domains gegenüber Domain 3. Auch der Unterschied an Referring Domains zwischen Domain 2 und 3 ist sehr groß, hier hat Domain 3 mehr als das dreifache an Referring Domains gegenüber Domain 2 und dennoch sind die Flow-Metriken bspw. hinsichtlich des Citation-Flows gleich. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die pure Menge an Referring Domains allein scheinbar nicht mehr den Ausschlag für gute Flow-Metriken gibt. Ziehen wir daher noch einen weiteren Datenpunkt heran: das Verhältnis Backlinks & Referring Domains.

Vergleicht man neben dem Verhältnis Flow-Metriken zu Referring Domains noch das Verhältnis Backlinks zu Referring Domains, sehen die drei Domains im Vergleich wie folgt aus:

Wie zu erkennen ist, bestätigt sich der Eindruck, der durch den Vergleich der Referring Domains zustande kam, auch beim Blick auf die Anzahl der Backlinks. Die Domain 1 hat hier ein Verhältnis von ca. 0,2%, Domain 2 ein Verhältnis von 0,1% und Domain 3 hat mit ca. 1,02% das beste Verhältnis von Referring Domains zur Anzahl an Backlinks.

Die Deeplink-Ratios der Domains

Betrachten wir im Folgenden, wie sich diese Links verteilen, sprich, welche sogenannte Deeplink-Ratio sie haben.

Bei Domain 1 verweisen 40% der Links auf die Startseite und 60% auf Unterseiten:

Bei Domain 2 verweisen 48% der Links auf die Startseite und 52% auf Unterseiten:

 

Bei Domain 3 verweisen hingegen nur 26% der Links auf die Startseite und 74% auf Unterseiten:

Wie zu erkennen ist, unterscheiden sich hier Domain 1 und 2 deutlich von Domain 3.

Die Sichtbarkeit der drei Domains

Nachdem wir uns angeschaut haben, wie viele Links diese drei Domains haben, wie diese sich verteilen und welchen Einfluss dies auf die Unterschiede hinsichtlich der Flow-Metriken hat, betrachten wir nun einmal die organischen Sichtbarkeit der drei Domains im Vergleich.

 

Wie zu erkennen ist, sind die Unterschiede signifikant. Domain 1 hat mit Abstand die größte organische Reichweite von allen drei Domains. Insgesamt ist ihre Reichweite fast fünf Mal so groß wie die Reichweite der beiden anderen Domains zusammen. Domain 3 hat die zweithöchste Reichweite. Auch wenn der Abstand zwischen Domain 3 zu Domain 2 in der obigen Abbildung nicht groß wirkt, so hat Domain 3 einen doppelt so hohen Sichtbarkeitswert wie Domain 2.

Halten wir also fest, dass, obwohl alle drei Domains ähnliche Flow-Metriken haben, sie sich hinsichtlich der Anzahl an Referring Domains und der organischen Reichweite deutlich unterscheiden können. Doch wie kann dieser deutliche Unterschied zustande kommen?

Einer der Gründe liegt in der Anzahl existierender bzw. indexierter Seiten.

  • Domain 1 hat ca. 160.000 HTML- Dokumente mit einem Robots-Meta-Tag auf „index“.
  • Domain 2 hat nur ca. 87 HTML-Dokumente mit einem Robots-Meta-Tag auf „index“.
  • Domain 3 hat ca. 6.000 HTML-Dokumente mit einem Robots-Meta-Tag auf „index“.

Dies führt im Fall von Domain 2 bspw. natürlich zwangsläufig zu einer starken Fokussierung der Domain auf ein enges Thema bzw. Keywordcluster. Durch die geringe URL-Anzahl und einer daraus viel komprimierteren internen Verlinkung, kann Domain 2 seine Linkkraft konzentrierter verteilen. Dieser Fokus könnte ein Grund dafür sein, warum Domain 2 in dem gleichen Themenumfeld wie Domain 3 und trotz eines kleineren Linkprofils und geringerer Sichtbarkeit, allerdings mit ähnlichen Flow-Metriken, auf einzelnen kompetitiven Keywords bessere Rankings erzielt als Domain 3. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Domain 3 seinen Linkjuice somit auf ein vielfach so großes URL-Inventar verteilt wie Domain 2.

Betrachtet man dazu die Historie von Domain 2 wird deutlich, dass diese Domain scheinbar einst eine radikale URL-Reduzierung vorgenommen hat.

 

Konzentrieren wir uns als nächstes auf die Verteilung hinsichtlich der Anteile an Top 100/10, sind auch hier die Auswirkungen der oben aufgeführten Unterschiede deutlich.

Domain 1 vereinigt über 56.000 Top 100 Rankings und erzielt über 11.900 Top 10 Rankings.

 

Domain 2 hingegen vereinigt gerade einmal 876 Top 100 Rankings auf sich und erzielt nur ca. 345 Top 10 Rankings.

 

Domain 3 vereinigt über 2.800 Top 100 Rankings und erzielt über 1.000 Top 10 Rankings.

In Anbetracht dieses Datenpunktes ist es dann auch nicht mehr verwunderlich, dass Domain 1 – die ja mit Abstand die meisten indexierbaren URLs hat –  auch die höchste organische Sichtbarkeit und die meisten Keyword-Rankings generiert.

Abschließend lässt sich feststellen, dass, obwohl Domains ähnliche Flow-Metriken haben können und damit hinsichtlich dieser KPI im ersten Moment „gleichwertig“ erscheinen, sie von der Struktur und ihrer Reichweite her komplett unterschiedlich sein können. Es sei noch einmal auf die starken Unterschiede hinsichtlich der Backlinks verwiesen. Domain 1 hat ggü. Domain 3 bei doppelt so vielen Referring Domains insgesamt ca. 4,2 Millionen Backlinks mehr, wohingegen der Trust-Flow sich nur um einen Punkt unterscheidet. Die sich jedoch sehr stark unterscheidenden Seitenstrukturen haben schlussendlich einen starken Einfluss auf die organische Reichweite der Domains und stellen damit einen der fundamentalsten Unterschiede zwischen den Domains dar. Daher bleibt abschließend nur die Empfehlung, nach der Betrachtung von Single-Core-Metriken immer auch etwas tiefer in die Daten zu schauen.

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